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Uta Nusser und Claire Waffel im Dialog  1/4

U.N.

Unseren Gedankenaustausch möchte ich mit einer Textpassage von Craigie Horsfield beginnen, da ich mich beim Betrachten der Bildinszenierungen mit Ihrer Großmutter aus der Fotoserie "Close Family" von 2003-2004 spontan an diese Worte erinnert habe: "Wenn ich Fotos von Menschen mache, die ich kenne, so dringe ich nicht in ihr Sein ein. Ich kann nur die Evidenz ihres Ichs sehen. Bis zu einem gewissen Grad hat das mit ihrem Sein zu tun, ihrem Ganzsein, nicht als ein isoliertes Ganzes, sondern als ein Teil des Gewebes allen Seins, einer sehr physischen und körperlichen Existenz. Wesentlich ist, sie nicht nur als Körper zu sehen, sondern vielmehr als Körper in der Zeit."1 Scheinen doch auch für Sie als Mensch und in Ihrer Kunst die unsichtbare Gegenwart, die Gleichzeitigkeit der Geschichte, die Parallelität verschiedener Zeitebenen eine bedeutsame Rolle zu spielen.

C.W.

In "Close Family" ging es mir darum, ein Porträt meiner Großmutter zu schaffen. Je länger ich daran arbeitete, desto bewusster wurde mir die Notwendigkeit, mich selbst mit ins Bild zu setzen. Die Bilder betreffen aber deswegen nicht mich selbst als Person. Wenn ich etwas von meiner Großmutter zeigen möchte, dann hat das sehr stark mit unserer Beziehung zu tun, mit dem, was ich zu ihr empfinde. Natürlich ist dies bei jeder Person, die ich porträtiere, der Fall, aber jeweils in einer unterschiedlichen Intensität. Immer wenn ich das Haus meiner Großmutter betrat, hatte ich das Gefühl, einer anderen Zeit anzugehören und mich weit weg von allem zu befinden. Die Großeltern sind Menschen, die in unserem Leben von Anfang an da waren, von denen wir aber auch wissen, dass sie nicht unser ganzes Leben lang da sein werden. Jetzt, da meine Großmutter nicht mehr am Leben ist, fange ich an, mich in ihr zu sehen oder sie in mir. Ich schaue meinen Körper an und kann mir vorstellen, wie dieser vielleicht altern wird. Ich schätze meine Großmutter sehr - für das Wissen, das sie besaß, das Wissen, das einer anderen Lebenserfahrung entstammte als der meinen. Ich frage mich, ob der Teil der Familiengeschichte, den sie durchlebte, verlorengehen könnte oder ob er zwangsläufig durch mich weiterlebt. Vielleicht ist es gerade der Moment, wenn sich die Beziehung zu den Großeltern wandelt, dass man Verantwortung übernimmt für sein eigenes Leben und zu einem gewissen Grad auch für ihr Leben. Das Kindliche, das meine Großmutter in zunehmendem Alter annahm und ausstrahlte, hat mich überrascht und mir gleichzeitig auch sehr gefallen. Wahrscheinlich ist mir bei diesem Projekt zum ersten Mal bewusst geworden, woran mir beim Prozess des Fotografierens am meisten liegt, dass man in dem jeweiligen Augenblick der fotografierten Person eine Wichtigkeit zuschreibt, sie schätzt. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass mir dabei etwas sehr Wesentliches gelingt, und zwar einen Moment des Lebens dieser Person aus dem Fluss der Zeit an- und festzuhalten und diesem Moment und der Person dadurch eine besondere Bedeutung beizumessen.

U.N.

Wenn man Ihre Bildfindungen, Installationen und Projekte näher untersucht, erkennt man, dass diese nicht unbedingt mit dem Alltagsleben, mit der Realität zu tun haben, sondern eher etwas mit dem Leben als Geschichte, mit dem, was Fernand Braudel "langsame Geschichte" nennt. Auf Grund des heute vorherrschenden Fortschrittsgedankens betrachten wir zumeist die Geschichte in Relation zu dem, was die Vergangenheit hinterlassen hat, und nicht als wirklichen Prozess, der die Vielfalt des menschlichen Seins durchzieht. Geschichte ist nicht ein Zitieren der Vergangenheit, sondern hat mit dem gegenwärtigen Leben zu tun. Darf man annehmen, dass Sie sich bei Ihrer Arbeit "La Voix Retrouvée" von 2004-2007 von ähnlichen Vorstellungen haben leiten lassen?

C.W.

"La Voix Retrouvée" ist für mich eine Antwort auf den Verlust des Gewesenen und die Un/Möglichkeit, dies dokumentarisch festzuhalten. Es gab mehrere Ereignisse und Gelegenheiten, bei denen ich versucht habe, die Worte des Schriftstellers W. G. Sebald, der auch mein Professor gewesen ist, festzuhalten. Die Aufnahme eines Interviews, das ich im Jahr 1999 mit ihm führte, ist nach fünf Minuten kaum noch hörbar, da die Batterien leer waren. Dies löste bei mir das Bedürfnis aus, seine Gedanken und die Verbindungen, die er zwischen kollektiver und privater Erinnerung herstellt, an meiner Gegenwart festzumachen und so zu überprüfen, ob sie sich festhalten lassen und die Zeit überdauern. Sebald veranschaulicht in seinem Werk, dass die Möglichkeit besteht und sich ständig wiederholen kann, dass Geschichten und Erinnerungen verloren gehen: "... wie wenig wir festhalten können, was alles und wieviel ständig in Vergessenheit gerät, mit jedem ausgelöschten Leben, wie die Welt sich sozusagen von selbst ausleert, indem die Geschichten, die an ungezählten Orten und Gegenständen haften, welche selbst keine Fähigkeit zur Erinnerung haben, von niemandem je gehört, aufgezeichnet oder weitererzählt werden ... ".2 Mir haben Sebalds Texte genau dieses Bewusstsein von Geschichte vermittelt, das Sie beschreiben als "wirklichen Prozess, der die Vielfalt des menschlichen Seins in der Gegenwart durchzieht". Da durch den Tod des Autors das Interview nicht mehr wiederholt werden konnte, entschloss ich mich, Polaroidaufnahmen von allen Büchern Sebalds zu machen, auf die ich an den unterschiedlichsten Orten über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr gestoßen bin. Gleichzeitig war mir aber auch klar, dass dies mein Bedürfnis der Auseinandersetzung mit dem Autor nie ganz befriedigen würde, aber ich verspürte die Notwendigkeit, dieses Bedürfnis wenigstens sichtbar zu machen. So besteht für mich weiterhin der Wunsch, die Verbindungspunkte, über die Sebald schreibt, die zwischen individuellen Menschenleben und kollektiver Geschichte existieren, in meiner Arbeit aufscheinen zu lassen. Ich verstehe meine künstlerische Arbeit zum Teil als eine Untersuchung unterschiedlicher Medien dahingehend, inwieweit und auf welche Art und Weise ein Medium das Potenzial besitzt, Erinnerung zu transportieren. Gibt es hier verschiedene Wertigkeiten oder ist es jeweils immer nur ein anderes Ausdrucksmittel, um Geschichtlichkeit und Erinnerung zu konstruieren und darzustellen? Auch wenn wir die Geschichte als ein Kontinuum betrachten, als eine Ausdehnung des jetzigen Moments, und nicht als klar in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eingeteilte Zeitabschnitte, gibt es Zeitpunkte, die die Dringlichkeit nahelegen, eben diesen Zeitpunkt zu dokumentieren, ihn festzuhalten, damit er nicht verloren geht. Diese Momente interessieren mich, auch wenn sie nur die Illusion vermitteln, es ginge etwas verloren, denn dieses Verlorengehen ist ein ständiger Prozess voneinander unabhängiger Momente, die einander kontinuierlich ablösen.

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